Identität und wie Sie Psychopathen erkennen

Hochzeit auf den ersten Blick

 Die Fähigkeit, sich Selbst und Andere wahrzunehmen.

Oder: Damit Sie eines Morgens nicht plötzlich aus allen Wolken fallen und neben einem Psychopathen wach werden.

 Wenn wir uns Selbst betrachten, leisten wir  von den Vorstellungen über uns selbst bis zur Wahrnehmung über uns selbst einen erheblichen Aufwand. Wie einen Blick, den wir immer wieder neu schärfend zu den Sternen richten. Jene Gebilde die erstrahlen, wo das, was wir von uns selbst wahrnehmen, gebündelt zusammenkommt. Gebündelt aus dem, was wir uns wünschen zu sehen. Das sind nicht nur immer rein positive Vorstellungen.

Bedeutung bekommen die Sterne, wenn sie uns so fixiert erscheinen aber nur, sobald auch ein anderer, erdacht oder real diese Sterne erblickt, ihnen Bedeutung gibt. Deswegen sind die Menschen, die uns umgeben so enorm wichtig. Sie verleihen uns unser Bild von uns selbst, das uns zu jenen macht, die wir eben sind. Gerade Menschen, die uns lieben oder mit denen wir in einer Beziehung sind, vermögen das am besten. Sie haben den tiefsten Einblick in unser Universum, sie sind es, die unsere Identität am sichtbarsten machen. Sie stabilisieren uns und unser Selbst-Bild, indem wir uns in Ihnen widergespiegelt erkennen. Je mehr eine Person – oder auch  mehrere Personen – uns wahrnehmen und reflektieren, umso geborgener und sicherer fühlen wir uns.

Aber nicht nur die äußeren aktuellen Beziehungen prägen unser Universum, also das Bild von uns, sondern wir tragen auch einen inneren Kosmos an Beziehungen in uns. Innere Bilder, die noch von unserer frühesten Kindheit stammen, uns formten und heute noch in uns wirksam sind.

Wichtig ist es, zwischen innerer und äußerer Realität zu unterscheiden. Die äußere Realität nimmt uns oft sehr ein und wir müssen uns ihren kulturellen und lebenserhaltenden Anforderungen allzu oft beugen, aber letztlich heilt uns die Realität, bereitet sie uns Lust und es ist wichtig zu wissen, dass Realität lustvoll ist. Dennoch ist die innere Realität, unsere Gedanken, Phantasien, Gefühle und Träume, meist die präsentere und stärker. Es ist der innere Kosmos, der uns umtreibt.

Unsere Identität, also wer wir selbst sind, wie wir uns wahrnehmen und wiedergeben, ist ein höchst flexibles Gebilde. Mal fühlen wir uns authentisch, mal spielen wir bewusst oder unbewusst Rollen, mal gerne und manchmal sind sie uns unlieb.

Es ist nicht einfach zu sagen, wann unsere „Identität“ zu flexibel ist, im Sinne von „ich bin so viele“ und wann sie zu starr ist, „so bin ich und bleib ich“.

Im Idealfall ist die Kern-Identität stabil, man weiß, wer man selbst ist. Dabei lässt man sich zwar von außen beeinflussen, weiß um diesen Einfluss, lässt sich aber nicht davon bestimmen.

Wie aber finden wir eine Sprache, um anderen zu vermitteln, wie es um unser Universum und innerem Kosmos bestellt ist? 

Gerade durch die eigenen Bilder und nicht sehr oft bewussten Bedürfnissen und Wünsche ist es in der Getting-to-know-you-Phase, also beim Kennenlernen, oft nicht einfach herauszufinden, mit welcher Person wir es zu tun haben.

Wie weiß man, ob man mit ihr eine erfüllende Beziehung eingehen kann? Wie kann man den eigenen Selbsttäuschungen frühzeitig ein Schnippchen schlagen? Wie kann man unglücklicher Verliebtheit und großen Schmerz unter Umständen vermeiden?

Wenn Ihnen der Blick für die andere Person verstellt ist, können einige grundlegende Richtungsweiser hilfreich sein, um einen klareren Kopf für sich selbst und den anderen zu bekommen.

  Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Versuchen Sie es bitte!

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Wenn ich diese Frage meinen KlientInnen stelle, und als Therapeutin muss ich sie stellen, ist es oft spannend was dann hervorkommt. Viele reagieren verblüfft, denn sie hören diese Frage so klar zum ersten Mal. Nie vorher hat jemand eine ganz persönliche und umfassende Antwort erwartet. Andere geben mehr oder weniger Momentaufnahmen oder Daten von sich preis. Familienstand, Beruf, Wohnort, Sternzeichen, wieder andere beschreiben die aktuelle Gefühlslage, mehr oder weniger ausholend: „Eigentlich bin ich momentan sehr traurig …, in Situationen, wie dieser, reagiere ich so und so ….“

Nachdem man ein solches Selbstbild über sich gegeben hat, bleibt meist ein komisches Gefühl. Es ist, als ob man eben nur einen oder mehrere kleine Ausschnitte, ein, zwei Selfies, von sich gezeigt hätte. Meist kommt in solchen Momenten das zur Sprache, von dem vermutet wird, dass es der andere gerne hört und erwartet, oder dass die Antwort den kulturellen Normen entspricht.

Später schleicht sich oft Unsicherheit ein, weil man nicht weiß, wie die Auskunft beim anderen tatsächlich ankam, was das Gegenüber sich denkt. Einiges war stimmig, einiges nicht. Manches kann in drei Tagen wieder völlig anders sein. Wir sind nicht statisch, sondern leben in einem ständigen Wandel. Wir ändern uns, die Welt um uns herum verändert sich, die anderen ändern sich und so ändern sich auch die Beziehungen. Man kann immer nur Teile von sich selbst dem anderen wiedergeben. Danach haben viele das Gefühl: Oje, das stimmt so ja gar nicht! Um Gottes Willen! Der andere glaubt sicher, ich bin völlig verrückt. Warum schoss das so unüberlegt aus meinem Mund? Wie das wohl bei ihm oder ihr ankam? Wie kann ich das wieder korrigieren?

Sprache trennt, setzt Grenzen zwischen dem Ich und dem Du. Hinter dem Schleier der Projektionen und Wunschvorstellungen bezüglich einer Person wird durch Worte etwas sichtbar gemacht, das diesen Schleier, die Ideen und Vorstellungen, plötzlich um ein Stück verrückt und Sie gleichzeitig ärmer und reicher werden lässt.

Was ich jetzt sage, klingt wahnsinnig banal, ist es aber nicht, wenn man bedenkt, wie häufig Kontakte abgebrochen werden wegen gefühlter Mücken oder manchmal auch Verletzungen. Oft weiß der eine nicht mehr, was es genau war, was da rausrutschte, das den anderen verletzte und manchmal auch der andere nicht, weshalb sie oder ihn das so traf. Manchmal fühlen Sie sich falsch gesehen und sind enttäuscht, manchmal fühlen Sie sich durch Positives bedrängt, haben Angst, vielleicht gleich zu Tode geliebt zu werden.

KENNENLERNEN UND BEZIEHUNG AUFBAUEN BRAUCHT ZEIT! 

Es ist leichter, wenn man jemanden öfter oder wieder trifft, um auch zu sehen, wie der andere einen wahrgenommen hat. Es schützt ein wenig vor der Situation: Oh, jetzt hab ich mich gezeigt und jetzt bleibt es so in der Luft hängen und wird beim anderen in Stein gemeißelt. Auch wenn es manchmal nur das eine oder andere Detail ist, um das man sich dann sorgt. Es ist einfacher, Bedenken wieder aufgreifen zu können, das Bild wieder zurechtrücken zu können, sich selbst und dem anderen die Chance zu geben, sich korrigieren zu können, oder auch nicht. Manchmal ist es auch wichtig, Dinge stehen lassen zu können.

Kurz: Es ist eine Illusion, davon auszugehen, dass man jemanden nach einer Stunde kennt. Selbst der vielzitierte erste Eindruck ist ein ebensolcher, eine Hypothese aus Erinnerungen und Analogien zu Gelesenem oder Gehörtem. Nach ein bis drei Stunden haben sich manche Hypothesen herauskristallisiert, können als wahrscheinlicher angenommen werden als andere.

Wir Therapeuten haben selbstverständlich unsere fachlichen Charakterisierungen, Theorien und Modelle, unsere Ableitungen, diagnostischen Kriterien und Erfahrungen. Aber auch in der Psychotherapie müssen wir erst einmal viel über jemanden erfahren, (am Anfang intensive 2- 3 Stunden für ein erstes Gutachten / Psychodynamik / Therapieplan) uns ein passables Bild machen zu können. Am Anfang ist es wie Strichmännchen zeichnen, erst mit der Zeit entstehen aus dem blassen Schema Konturen, Grenzen, Schatten und Farbe. Dieses Bild kann ständig übermalt werden, sich wandeln.

Ein vollständigeres Selbstbild von sich zu geben, oder zu bekommen, benötigt also Zeit, ganz egal ob sich jemand sehr gut darstellen kann oder nicht. Ob man das Gefühl hat, sich ewig zu kennen oder nicht. Es bleibt immer etwas offen. Etwas mysteriöses im Universum des anderen.

Tricky Soul – Trügerisch entlarvendes Immunsystem der Seele

In der heutigen Welt setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass der Absturz naht, wenn man beginnt, starr die eigene Propaganda zu glauben. Früher oder später ist der Lack dann ab. Leider meist erst später. Dahinter steckt, dass man versucht ist, das Selbstbild am anderen oder an anderen auszurichten, indem man sich auf bestimmte Weise präsentiert. Nur die schönen Sterne zeigt.

Mit trügerisch meine ich, dass wir eine Art Immunsystem in der Psyche haben. Es schützt uns davor, zu viel von uns preiszugeben, vor anderen nackt dazustehen. Ein Immunsystem, das uns auch vor unseren inneren negativen, unerwünschten aber auch positiven Seiten, wenn wir uns solche nicht zugestehen wollen, beschützt. Das psychische Immunsystem ist durchlässig und hilft uns, das eigene Selbstbild aufrechtzuerhalten, abzugrenzen und uns immer wieder situationsgerecht anzupassen. Es hält unsere innere psychische Homöostase, ein ganz bestimmtes individuelles Gleichgewicht, aufrecht, wie vorteilhaft oder unvorteilhaft es auch immer gestrickt ist.

Auf unserem Weg vom Ich zum Du verweist uns das psychische Immunsystem auf drei Fährten.

Die erste Fährte nennen wir „Identifikation“. Wenn das Immunsystem durchlässig ist, dann erkennen wir etwas als gut, zu einem passend, als nicht fremd an. Es verpflanzt sich rasch ins eigene Innere. Wir können anderen voreilig zustimmen, ohne es kritisch für uns selbst überprüft zu haben. Wir stimmen zu, gleichen uns an und tragen es weiter. Identifikation äußert sich, wenn wir Gedanken oder Meinungen, Zuschreibungen, die andere über uns haben annehmen, zu unseren eigenen machen. Meistens ist es ein liebevolles Zeichen, wenn sich jemand mit einem identifiziert. Ein Hinweis, dass man jemanden besonders toll findet, ähnlich sein möchte, ein Rolemodel aus ihm oder ihr macht an dem wir uns weiterentwickeln können. Manchmal hinterlässt es aber auch einen fahlen Geschmack im Mund. Wir nehmen es zwar in uns auf, aber es ist, als ob wir Zahnplomben statt Zähne spüren, weil Identifikationen auch Ersatzteile sein können, mit denen wir das Selbstbild füllen.

[Fernrohr] In diesem Sinn finden wir einen Teil des eigenen Selbstbildes in unserer Umwelt. Der Blick dorthin kann auch tief in uns hinein verweisen.

Eine zweite Fährte ist die „Projektion“. Durch die Projektion haften wir ungeliebte Anteile, die wir selbst nicht haben wollen, anderen an. Die anderen sind dann die Guten, die Bösen, die Gewinner, die Verlierer oder was immer wir glauben wollen, nicht zu sein. Dabei handelt es sich in Wahrheit um Anteile in uns selbst, die wir lieber von außen sehen, mit denen wir so ganz und gar nichts zu tun haben wollen. Wenn man andere als aggressiv und böse wahrnimmt, kann man sich fragen, ob man nicht auch eigene aggressive Anteile, Wut oder Ängste hat, die man sich aber nicht zugesteht. Vielleicht waren sie ja schon da, bevor sie einem noch entgegentraten, vielleicht aus ganz anderen Gründen. Die noch größere Angst ist das Unbekannte. Dann wäre man ja nicht mehr die oder der Gute, das Opfer, der moralisch Überlegene, die von allen Bewunderte, der von allen Geliebte, der respektierte Kollege, die fitte Chefin, die guten Eltern und dergleichen. Dabei ist es äußerst hilfreich, zu erkennen: Hey, eigentlich bin ich aber auch aggressiv. Der Vorteil ist: Erkennt man die eigenen Anteile, fühlt man sich weniger verfolgt. Projektionen sind wie ein Boomerang, der uns immer wieder einfängt. Wenn es tatsächlich nur eine Projektion ist, ist es ja ein eigener Teil, der zu einem zurückkehrt und ohnehin nur bei einem selbst bleibt. Also hängt das Selbstbild im hohen Maße von dem ab, was wir bei uns selbst wahrnehmen wollen.

 

[Fernrohr + Lupe] In diesem Sinn finden wir beim Blick in unsere Umwelt und in uns selbst ein riesiges Angebot an Krücken und Plomben mit tausenden Aufforderungen, unser Selbstbild doch zu verändern, anzupassen, auszusortieren.

 

Die dritte Fährte des Immunsystems ist am schwierigsten zu erkennen. Es ist die sogenannte „Projektive Identifikation“. Mit ihr hat das psychische Immunsystem seine größten Schwierigkeiten. Da ist die Dosis schnell zu hoch und verstellt den Blick auf das Selbst. Projektive Identifikation tritt dann auf, wenn wir von anderen deren unerwünschte Teile in uns hineingepflanzt bekommen. Es handelt sich um Gefühle oder Verhaltensweisen, die jemand unausgesprochen und oft unwissentlich aus seiner Vergangenheit in sich trägt, und die das Gegenüber, wir selbst, einen Freund, eine Partnerin oder einen Partner veranlassen, sie zu empfinden oder auszuleben. Man ist dann „projektiv identifiziert“. Das kann einem früher oder später auffallen. Ein klares Zeichen für eine solche Spur ist das Gefühl, eine Rolle zu spielen, die man davor nicht hatte, die einem fremd ist oder die der Situation unangemessen ist. Es kommt zu Verhaltensweisen, die man an sich, bevor man mit dieser Person zusammentraf, nicht gekannt hatte, die nicht zu einem selbst gehören. Viele sind projektiv identifiziert, ohne es zu wissen, und leben in Wahrheit einen alten, wortlosen Teil eines anderen aus. Enge Beziehungen sind eine Brutstätte für projektive Identifikationen. Wie ein unbemerktes Bakterium leben sie in uns und haben auch ihre positiven Seiten. Manchmal aber sind es solche, die uns krank machen und unser Leben stark negativ beeinflussen, darauf werde ich noch zurückkommen.

 

[Lupe] In diesem Sinn erkennen wir diese dritte Fährte des Immunsystems zuerst an uns selbst und erst dann in der Umwelt, wenn überhaupt, da es sich um einen unausgesprochenen und oft unbewussten, unterschwelligen Prozess handelt. Da heißt es, zuerst, vielleicht mithilfe anderer, bei sich selbst zu sortieren, sich selbst zu immunisieren, herauszufinden, wann und wie die Verhaltensweisen auftreten, die sich fremd und belastend negativ anfühlen.

 

Never ending work in progress

 

Was in der Theorie so einfach klingt, nämlich ein abgegrenztes Selbstbild zu haben und ein abgegrenztes Bild von anderen zu haben, bedeutet gleichzeitig ein Stückchen Freiheit und Kontinuität. Wenn man sich schon auf nichts verlassen kann, sind das Wissen um sich selbst und um die Wege der Selbstwahrnehmung und der Eigenabgrenzung eine stabile Angelegenheit, die es für heilsame Prozesse braucht. Selbstwahrnehmung ist nichts Selbstverständliches. Vielen gelingt es erst nach Jahren auf der Couch, sich gut zu reflektieren und zwischen sich selbst und anderen trennen zu können. Das Wichtigste ist aber, dass wir uns bewusst darüber sind, dass wir beeinflussbar sind, ob wir es wollen oder nicht. Und dass unser psychisches Immunsystem je nach inneren oder äußeren Eindringlingen ein trickreicher Gaukler sein kann, um sich selbst im Gleichgewicht zu halten damit es nicht kippt.

 

Gute Selbstwahrnehmung mit einem oder besser mehreren Blicken auf sich und andere ist ein „work in progress“, eine gute Angewohnheit und die beste Basis für erfüllende Beziehungen. Das klingt einfacher als es in Wahrheit ist. Viele Menschen können sich nicht gut selbst beschreiben und plappern dann lieber vor sich hin, üben sich in seichtem Small Talk. Meiner tagtäglichen Erfahrung nach begegnen einander immer wieder Menschen, die, wenn man genau hinhört, nie über sich selbst sprechen. Dort scheinen die Hauptthemen zu sein: die Nachbarn, die Arbeitskollegen, der Haushalt, Krankheiten. Vielleicht noch das, was gerade im Fernsehen läuft oder was gerade gekocht wird. Ich meine damit nicht, dass wir alle ständig Bilder von uns selbst wiedergeben sollen. Nein, weder wir selbst noch unsere Familienangehörigen oder Freunde müssen das. Wie Kommunikation jedoch funktioniert beziehungsweise was dabei zu beachten ist, kann in Kap. X nachgelesen werden.

Hier, im Kapitel über die Fährten unseres seelischen Immunsystems, soll klar gemacht werden, dass jeder auch mit dem Geplappere und den trickreichen Gaukeleien der Seele Bilder von sich abruft und weiterträgt, woher immer sie kommen mögen. Ob der Mensch dahinter auch sichtbar wird, was ja unsere Beziehungen letztlich stabil hält und Konflikte lösbar, Hindernisse überwindbar oder vermeidbar macht, hängt davon ab, ob der Plapperer sich selbst gut kennt. Auch wenn man ein realistisches Bild von sich selbst hat oder machen kann: Manchmal, gerade wenn man Konflikte oder Streitigkeiten hat oder über längere Zeit sehr gestresst ist, kann es schwierig sein, diese Fähigkeit aufrecht zu erhalten, sie kann dann kurzfristig wegfallen: „Mir fehlen die Worte, ich kann gar nicht beschreiben, was in mir vorgeht.“ Aber meistens gelingt es doch, ein echtes Bild von sich zu haben, der Mensch hinter dem Selfie zu sein.

 

KÄSTCHEN: Eine zentrale Voraussetzung, sich selbst und andere realistisch wahrnehmen zu können, ist die Fähigkeit, zwischen Sich und dem Anderen sicher unterscheiden zu können! Ich weiß, wer ich bin und was mich ausmacht. Ich weiß, wer du bist und was dich ausmacht.

 

Die differenzierten „Sich-selbst-Kenner“

 

Ja, es gibt sie, die differenzierten Sich-selbst-Kenner. Mitten im Überangebot von Krücken und Projektionen. Oft sind es Psychotherapie-Erfahrene, welche sich besser schildern und ein kontinuierlicheres, realistischeres Bild von sich selbst wiedergeben können. Ich erwähne die Psychotherapie-Erfahrenen deshalb, weil der Unterschied gerade für einen erfahrenen Psychotherapeuten sehr auffällig ist. Aber auch, weil es damit klar wird, dass das Selbstbild, von dem wir hier sprechen, erst aus der Selbstreflexion entsteht!

Selbstverständlich gibt es auch Personen, die nie in Psychotherapie waren und die sich sehr gut und detailliert beschreiben können. Das Bild von ihnen ist klar, stabil, man weiß was sie tun und was sie ausmacht. Das Selbstbild passt zum Fremdbild, oder auch zu dem Bild, das ich mir mache. Bei solchen Menschen bemerkt man keine Widersprüchlichkeiten, das Selbst- und Fremdbild ist stimmig und das spürt man. Man muss aber sehr genau in sich hineinhorchen, denn nur allzu oft übergehen wir freundlichkeitshalber Gefühle, wie innere Ablehnung oder Aggression, die nicht aus dem eigenen Inneren, aus einem selbst heraus kommen.

Wenn es sich aber bei dem Gegenüber tatsächlich um sehr selbstreflektierte Menschen handelt, die eine hohe Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung besitzen, dann sind sie dies, weil sie Situationen, in denen sie sich befinden, mit Interesse verfolgen. Sie schätzen ein, was die Situation, das Gespräch in ihnen oder für ihr Inneres bedeutet. Das, was sie beobachten und erleben, erleben sie mit Gefühlen und einem Gefühlsausdruck, der dazu passt. Und sie besitzen die ganze Klaviatur: Glück, Freude, Stolz, Neugierde bis hin zu Ärger, Angst, Traurigkeit, Ekel, Schuld und Scham. Das detaillierte Bild, das sie von sich haben, kann über längere Zeit aufrecht erhalten und zusammenhängend wiedergegeben werden. Ein Mensch, der ein gutes Bild von sich selbst geben kann, kann meist auch mit Interesse für sich selbst nach Innen blicken und das, was daraus entsteht, für sich selbst nutzen und aktivieren. Sie sagen: Ich bin heute noch glücklich über … und man spürt, dass sie glücklich sind. Sie sagen: damals habe ich mich sehr geschämt … und es ist fast so, als würde ihnen noch heute die Schamesröte im Gesicht stehen … und gleich darauf kann man darüber lachen.

So etwas funktioniert nur, wenn man Situationen immer mit seinem inneren Auge begleitet. Das heißt, das, was man macht und das, was einen innerlich dabei bewegt mit Interesse beobachtet. Innehält, sich hinterfragt und darüber staunt!

 

 

[Kompass] „Ich bin ein Mensch, der … Das ist der Unterschied zwischen uns …“ Es kommt also darauf an, die unterschiedlichen Aspekte seines Selbst zu bestimmten Situationen zeitlich und in der Intensität gut einzuschätzen: „Das ist deine Sache, nicht meine … Das ist dein Interesse, meines ist …“

 

 

Gemeint ist, sich ein realistisches Bild vom anderen machen zu können, ihn mit seinen Eigenheiten und Eigenschaften einfach nur wahrzunehmen. Wir riskieren einen Blick in die Ferne, einmal, zweimal und auch öfter.

 

Das Bild vom andern ist über eine Zeit hinweg konstant und zusammenhängend. Auch wenn es mal Ärger, Enttäuschung, Wut oder großes Begehren gibt, der andere behält seine Realität, sein Universum und geht nicht gleich als Ganzer verloren.

Ist diese Fähigkeit gut entwickelt, kann man alle wichtigen Beziehungspersonen gut beschreiben und in einem Bild wiedergeben: „Er/Sie ist sehr … Das ist eine Schwäche/Stärke von ihm/ihr …“

 

 

Ängste – Wenn zwei Universen aufeinandertreffen

 

Gerade beim Kennenlernen passiert es, dass man mit den Gedanken sehr beim anderen und weniger bei sich selbst ist. Umso größer die Verliebtheit, umso größer die Angst, sich seelisch im anderen verlieren, die Schutzhülle zu durchbrechen und uns verwundbar zu machen. Die Grenzen zwischen dem Ich und dem Du verschwimmen und sind nicht mehr wahrnehmbar. So gerne möchten wir auch uns ein Stück auflösen und ein Wir bilden.

Manch einer fühlt sich durch so ein Beziehungsangebot oft überfordert, ja eigentlich bedroht – und versucht gegenzusteuern, damit es für ihn erträglich bleibt. Auch diese Prozesse sind meistens unbewusst, passieren ohne Worte. Lassen Sie uns deshalb einen Blick darauf werfen.

Wie schützt sich ein Mensch, der sich vor dem Angebot einer Beziehung fürchtet? Tricky Soul hat da so einiges auf Lager. Zum Beispiel baut sie die Erinnerung einfach um oder reagiert gleich und verzerrt die Wahrnehmung, oft noch bevor ein Beziehungsangebot real entstanden ist. Was so ein Mensch real und innerlich mit einer Person erlebt hat oder gerade erlebt, wird verändert. In der Folge kann es zu Entwertungen des anderen kommen, und zwar aus dem Nichts und ohne ersichtlichen Anlass. Zu den Werkzeugen der Tricky Soul gehören auch Kontrolle und Misstrauensvorwürfe. Alles, um eine äußere und innere Distanz zu schaffen. Einen inneren und äußeren Fluchtversuch.

Das Gegenüber ist in solchen Momenten meist massiv verunsichert und es kommt zu Gegenreaktionen bis hin zur Eskalation oder zum vorzeitigen Beziehungsabbruch, obwohl sich der eine dem anderen annähern wollte. Wenn ein Gegenüber dann auch noch neurotisch ist oder sehr zu Abhängigkeiten neigt, potenziert sich die Lage.

 

Trifft man auf Menschen, denen die Fähigkeit, den Blick auf sich selbst und auf den anderen zu richten, nicht gut gelingt, so muss in Beziehungen mit Problemen, Enttäuschungen oder Schwierigkeiten gerechnet werden. Leichter tut man sich, wenn man ein zu starkes Schlingern, eine zu starke Realitätsferne rechtzeitig erkennt.

 

 

Wenn schlechte Selbstwahrnehmung zum Problem wird

 

In meiner Praxis kommen drei verschiedene Charaktere mit Unschärfen zwischen dem Ich und dem Du vor, die ich hier kurz zusammenfassen möchte.

 

Die „plakativen Handler“ (eingeschränkter Blick): Auf die Frage, was sie zu mir in die Praxis bringt, antworten Menschen, die sich nur eingeschränkt wahrnehmen, die U-Bahn habe sie gebracht. Solche Menschen erzählen von Handlungen, nicht von inneren Beweggründen. Das Selbstbild ist undifferenziert, sehr stimmungs- und situationsabhängig, schwankend. Wenn man nach Gefühlen fragt, kommen oft Beschreibung der Handlung, ohne genau sagen zu können, warum, weshalb oder was in ihnen tatsächlich vorgeht. Das heißt, es werden spontan situationsabhängige Bilder und Stimmungen vermittelt. Was er oder sie damit wirklich zum Ausdruck bringen möchte, erfährt man nicht. Man weiß dann schlecht, wer der andere ist, aber man weiß, was er in bestimmten Situationen getan oder gemacht hat und von welcher Stimmung dieses Tun begleitet war. Das Bild ist voll mit Details, Handlungen und Situationen. Das Bild, das sie von anderen wiedergeben, kann stark kippen, und man fragt sich, spricht diese Person gerade über ein und dieselbe Person, von der ich eigentlich schon ein Bild im Kopf hatte, oder von wem anderen?

Mit einem Menschen, der sich nur eingeschränkt wahrnehmen kann, kann es kurzzeitig zu heftigen Reaktionen und Streitigkeiten kommen, aber für gewöhnlich ist es für so einen Menschen auch möglich, wieder Distanz zu gewinnen und zum realistischen Bild des anderen zurückzufinden. Warum man dann dennoch zu mir in die Praxis kommt? Nun, weil solche Selbstbilder oft sehr „plakativ“ sind und stark von Normen und fixen Ideen, wie etwas zu sein hat und wie man sich selbst zu verhalten hat, begleitet sind. Die Menschen leiden an der Unfähigkeit, den anderen auch anders sein zu lassen, und sind unsicher, ob sie selbst noch „richtig“ sind und wie sie das eigene Bild in diesen Klischees und Ideen aufrecht erhalten können. Solche Unsicherheiten haben auf die Beziehungsfähigkeit noch keinen starken Einfluss, sie sind unangenehm, können auch vorübergehend sein und deuten manchmal auf eine momentane Ausnahmesituation hin.

 

„Die Avatare“ (geringe Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung): Schwieriger wird es, wenn jemand nur eine geringe Fähigkeit hat, ein nachvollziehbares Bild von sich zu entwerfen. „Ich kenn mich nicht aus, wer ich bin. Ich bin so viele und doch nichts.“ Selbst wenn man Unterstützung gibt, gelingt es oft nicht, dass man so einen Menschen samt Gefühlen und Vorstellungen nachvollziehen kann. Er oder sie bleibt blass, Masse, plakathaft, verzerrt, diffus. Die Bilder sind entweder überdimensional großartig oder völlig selbstentwertend. Oft stehen diese sehr widersprüchliche Aspekte nebeneinander und man bekommt kein Gefühl für die Identität dieser Person. So geht es einem oft mit Menschen, die einem partout nicht einfallen wollen. Man hat seltsamerweise völlig vergessen, wann man mit ihnen gesprochen hat und wie sie heißen. Sie können Gefühle nicht detailliert wiedergegeben, in der Beschreibung herrschen meist negative Gefühle vor. Sie sprechen von Gefühlsleere und Entfremdung. Es wird aber nicht klar, woher diese Gefühle kommen, ob sie zuerst im Außen entstanden sind oder von innen herrühren. Fragt man sie nach ihren Vorlieben, fällt es ihnen schwer, solche zu formulieren. Und das erstreckt sich von der lapidaren Freizeitgestaltung bis hin ins Bett. Solche Menschen behelfen sich damit, in „Rollen“ zu schlüpfen. Das macht es schwierig, sie tatsächlich kennenzulernen. Manche haben es gelernt, ihre Rollen sehr überzeugend zu spielen, man spürt aber, dass „irgendwas an dieser Person nicht stimmt“. Für das Gegenüber ist das eine Herausforderung. Manchmal kommt es vor, dass man sich nach der Begegnung mit einem Rollenjongleur eigenartig aggressiv fühlt und nicht zuordnen kann, woher diese Reaktion kommt, obwohl man weiß, dass man nicht selbst der Urheber ist. Oder man vergisst diese Person und die Begegnung mit ihr. „Mit wem war ich da gestern unterwegs, es fällt mir partout nicht ein“. Hier bleibt der andere „blass“, schwer vorstellbar oder manchmal auch übertrieben gut oder böse.

Ein Mensch, der sich selbst beinahe ausschließlich durch die Brille wechselnder Rollen sehen kann, hat es tatsächlich sehr schwer, viel von sich selbst zu wissen. Keine Rolle ist dauerhaft aufrecht. Im Zusammensein ist stets irgendwie unklar, ob diese Person nun von sich oder von anderen spricht. Man erkennt sie häufig an der Irritation: „Wovon oder über wen sprechen sie jetzt?“ Den Schilderungen zu folgen fällt zunehmend schwer. Umgekehrt fehlt einem Rollenmenschen das Verständnis, dass der andere seine eigene Geschichte hat, mit allen Stärken und Schwächen. Der andere muss hundertprozentig „passen“ oder sie können nichts mit ihm oder ihr anfangen und wird sofort weggeworfen. Auch können sie vielfach nicht wirklich benennen, warum eigentlich. Das heißt, es gibt nur Idealisierung oder Entwertung. Schwarz oder Weiß. So oder so. Wenn solche Personen von anderen sprechen, wirkt dies meist grob, unklar, schwammig, sie können nicht ins Detail gehen.

Und doch, aus deren Sicht muss es den idealen Partner geben, der keine Wünsche äußert oder Anforderungen stellt, ohnehin perfekt ist, keine Schwächen hat und mit dem man alle Pferde dieser Welt stehlen kann, mit dem alles möglich ist. Was auch immer das ist, weil so klar oder realistisch ist das dann meist doch wieder nicht und die Rollen sind unterschiedlich. Auf die Beziehungsfähigkeit hat die geringe Fähigkeit der Selbstwahrnehmung in der Regel einen täuschenden und enttäuschenden Einfluss, sie stellt sich zwischen das Selbst und das Du. Wenn Sie es mit einer Person zu tun haben, die so einem Avatar gleicht, seien Sie nicht enttäuscht, wenn nichts draus wird. Auch nicht, wenn dieser oder die noch so viel Schönheit, Geld, Macht oder ähnlich Begehrliches besitzen würde. Es wäre wenn, dann eine harte Prozedur für ihre Seele und ihr Leben.

 

Die „Fantasy-Figuren“ (völlig Unfähigkeit zur Selbstwahrnehmung).Es gibt eine noch schwierigere Ausprägung des Fehlschlagens der Selbstwahrnehmung. Sie tritt dann ein, wenn jemand eine völlige Unfähigkeit zeigt, sich selbst zu beschreiben und überhaupt keine Identität wiedergeben kann. Versuchen es solche Menschen dennoch, so wird die Realität ausgeklammert. Da kommt es dann vor, dass zum Beispiel ein verurteilter Mörder im Gefängnis von sich erzählt, er sei ein ruhiger und umgänglicher Mitmensch, oder jemand, der davon ausgeht, dass er nächste Woche entlassen wird, obwohl er noch eine lange Gefängnisstrafe vor sich hat. Die Bilder zwischen Realität und Wahrnehmung sind nicht in Übereinstimmung zu bringen. Sie enthalten überhöhte Größenwahnideen, sind schwer nachvollziehbar oder sonderbar befremdlich.

Andere Menschen, aber auch Situationen, werden auf einem völlig unverständlichen, leeren oder bedrohlichen Niveau beschrieben. Ja, manchmal bekommt man richtig Angst vor deren Wut und deren Ideen, die sie über andere oder Sachlagen haben. Da werden Teile für das Ganze genommen, pars pro toto, zum Beispiel, wenn die langen blonden Haare für die Reinheit und Unschuld der anderen Person stehen, ganz unabhängig davon, wer diese Person ist und was sie sonst noch ausmacht. Wie eine Fantasy-Figur in einem virtuellen Spiel, die als gut anerkannt wird, weil sie einen grünen Diamanten gesammelt hat – oder in der auf sie losgegangen wird, weil sie ein bestimmtes Ding besitzt. Anerkennung oder Verurteilung, ohne genauere Reflexion, wer der andere ist und was sein Motiv ist. Kurz: Solche Personen nehmen sich selbst, aber auch andere, nur durch die Brille ihrer eigenen Phantasie, ihrer Wunschvorstellungen und Erwartungen wahr. Sie wissen nicht, woher diese Phantasien kommen, ja oft nicht einmal, dass es Phantasien sind. Die Bilder, die sie von anderen zeichnen, sind oft sehr starr, einfach gestrickt und können durch nichts, auch durch kein gutes Zureden relativiert werden.

Die Bilder werden von phantasiegetriebenen Personen meist verfolgend und quälend wahrgenommen, es wird versucht, sie zu bekämpfen. Eine Stimme der Vernunft, entscheidende Details aus der Realität oder die Fähigkeit, sich und andere getrennt wahrzunehmen, über sich und andere nachzudenken, ist nicht vorhanden. Gelegentlich verschwimmen gut und böse, bleiben aber mit den eigenen Erklärungsmustern und Wünschen stark vermischt. Als krasses Beispiel: „Aber sie hat es doch so gewollt, dass ich sie schlage und missbrauche.“ Für die wirklichen Interessen oder Eigenschaften einer anderen Person fehlt der Raum in ihrem Inneren, weshalb andere nicht wahrgenommen werden können. Menschen, die völlig unfähig sind, sich selbst realistisch wahrzunehmen, haben die Phantasie an die Stelle des Selbst gesetzt. Sie verkehrt jeden Kontakt, jede Wahrnehmung in ein befremdliches oder auch bedrohliches Szenario.

Gerade beim letzten Typus, den Fantasy-Figuren, ist besondere Scharfsicht geboten, und seien sie noch so liebeshungrig und needy, notdürftig. Meistens sind es geschickte Psychopathen, welche es gelernt haben, ein brillantes Selbstbild von sich zu geben und sich ganz rasch bei Ihnen einnisten. Sie sind gut getarnt, damit sie ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen können, was Ihre gefühlte Bedrohtheit jedoch erhöht. Echte Nähe oder Beziehung ist da nicht. Man wird daher von Beginn an das Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht stimmt. Zu viel Brillanz, zu viel Taktik, mit der sie einen spürbar um den Finger wickeln wollen, stehen am Beginn einer solchen Begegnung. Geben Sie darauf besonders acht: Wenn Sie diesen Menschen fragen, was Sie seiner Meinung nach, von ihm oder ihr wollen und woran sie interessiert sind, kommt meistens ausweichendes Gestammel oder eigene Wünsche, verkauft als die Ihren und oft genug, Abfälliges und Abwertendes. Der Beziehungsfähigkeit steht die völlige Unfähigkeit, sich selbst wahrzunehmen gänzlich im Weg. Es erübrigt sich beinahe, es zu sagen: Auch wenn Sie noch so sehr verliebt sein sollten: Finger weg! Beine in die Hand und laufen!

Ein weitläufiges Gelände braucht Zeit, um es zu Durchmessen.

Es ist schwierig, sich ein umfassendes Bild von einem Menschen zu machen. Auch das eigene Selbstbild bedarf der Zeit. Jeder hat viele Seiten in sich. Es kommen immer neue Situationen oder Herausforderungen hinzu, so dass es sich von Zeit zu Zeit auch verändert, ja sogar verändern muss. Man kennt jemanden nicht nach einer Stunde oder zwei, drei Begegnungen. Man hat dann immer noch nicht alle Seiten gesehen.

Manche geben schnell vieles von sich preis, manchmal aus Selbstsicherheit und Stärke heraus, manchmal aufgrund einer Pathologie und Manie. Manche sind vorsichtiger und lassen sich lange Zeit, bis sie sich dem anderen zunehmend öffnen. Manche aus Angst, Schutz, Introvertiertheit oder autistischen Zügen.

Aber vor allem: Die wenigsten zeigen gerne ihre Schwächen. Es herrscht irgendwie ein Common Sense darüber, sich nur stark und gesund zu präsentieren. Wenn man Schwächen oder Fehler zeigt, ist man ein Fail am Markt, sagte Erich Fromm. Dabei ist  Schwächen zu zeigen eine Stärke. Das Problem entsteht dann, wenn wir es mit plakativen Handlern oder Avataren zu tun haben, die es nicht tolerieren können, dass der andere oder man selbst Schwächen besitzt. Für viele ist es darüber hinaus schwierig, weil Idealisierungen und Vorstellungen plötzlich wegfallen. Auch wenn die Person nach wie vor die gleiche ist: Hat sie von Schwächen berichtet oder gibt sie zu, sich in einer sehr schwierigen Lebenssituation zu befinden, kann es sein, dass manche Partner das nicht tolerieren. Sie erleben es so, als ob man sie verlassen hätte. Sie reagieren aggressiv, werden zum Beispiel wütend und rächen sich genau dann, wenn der Partner krank, schwach und verletzlich ist.

Was Sie tun können? Achten Sie auf Ihr Selbstbild. Umso bewusster es Ihnen ist, dass Sie beeinflusst wurden und es sind, umso freier und besser können Sie sich selbst entdecken. Interessieren Sie sich für sich, Ihre Gedankengänge, Ihre Träume – und interessieren Sie sich dafür, welches Bild der andere von sich hat – und welches er von anderen und Ihnen wiedergibt. Damit Sie besser wissen, ob und wohin Sie mit der jeweiligen Person gemeinsam gehen wollen, welchen Kurs Ihr Beisammensein annimmt.